"Ich hab' ein zärtliches Gefühl" Bewegendes Chorkonzert zum Welt-Aids-Tag in der Kreuzkirche von Günter Moseler

MÜNSTER - Aids kann es mühelos mit den biblischen Plagen aufnehmen. Die Immunschwäche gehört seit Jahrzehnten zu den Geißeln der Menschheit, ist bis heute unheilbar. Der Welt-Aids-Tag fiel auf den Totensonntag - nicht zufällig also blieb im Chorkonzert in der Kreuzkirche der drohende Ausgang der Krankheit gegenwärtig.

AufrührerischAber auch eine schicksalsträchtige Krankheit muss nicht als Schicksal hingenommen werden. Im Programm, das die Gruppe Die Untertanen unter Rüdiger Schrader-Tönnißen und das Musiktheater Signale unter Jeanet Bosch boten, waren folgerichtig weniger untertänige Töne zu hören als vielmehr aufrührerische.Der Beginn des Konzerts vergegenwärtigte indes die ganze Brisanz von Aids: Aus dem Nichts erhob sich ein vielstimmiger Klang, den die Echowinde des Kirchenraums von irgendwo her trugen, bis dem Publikum auf den Bänken immer mehr Sängerinnen und Sänger entstiegen und in einer Prozession dem Altar zuströmten. So war - sinnbildhaft - fast jeder Zuhörer unwissend ein Nachbar der Krankheit gewesen: Aids ist immer noch das klammheimliche Übel von "nebenan". Im "Radhalaleila" aus Israel griffen die Untertanen den feierlichen Gestus dieser szenischen Aktion mit einem ruhigen Metrum auf. "I Pharadisi" aus Südafrika war mit ätherischen Höhen ganz paradiesischer Zuversicht verpflichtet.FlüsternAfrika blieb mit dem Musiktheater Signale in "Homeless", "Inculazi" und Welele Mandela" der Kontinent der Sorge. "Unruhe und Wachtraum" verwandelte das Singen in eine doppelchörige Performance, deren rhythmische Ostinati von Glissandi zwischen Sprache und Gesang balancierenden Übergängen schließlich in einem Flüstern und Wispern versandeten. Beide Chöre stürmten leichthin durch Victor Jaras "Vaterunser an einen Bauern", dessen revolutionärer Zorn die Utopie der individuellen Freiheit ins Visier nahm. Einsam gestand ein Sopransolo "Ich hab' ein zärtliches Gefühl", rührte sich unterm Trommelwirbel "Das neue Leben". Es war ein aber ein Madrigal on Thomas Tallis, das den unabdingbaren Trost allen Lebens unwiderlegbar intonierte:"If you love me". Ein völlig ungewöhnliches, großartiges Konzert!